Cannabis in der Krebstherapie

«Eine Pflanze, die vielfältige Therapieoptionen bietet»

Cannabinoide wie THC und CBD werden heute in vielen Bereichen der Medizin eingesetzt – auch während und nach der abgeschlossenen Krebstherapie. Laut Dr. med. univ. Sandra Pittl, die am ZIO Zürich entsprechende Beratungen anbietet, können beispielsweise in der Palliativmedizin Medikamente reduziert oder eingespart werden. Neuere Studien weisen sogar auf anti-tumorale Effekte der Pflanze hin.

Frau Dr. Pittl, sie setzen Cannabis in der integrativen Onkologie und in der Palliativmedizin ein. Haben Sie mit Vorurteilen zu kämpfen?
Ja, das kommt leider noch immer vor, Cannabinoide wecken vielerorts nach wie vor Abwehrreflexe. Bis vor ein paar Jahren musste ich jedes Mal ein Gesuch beim BAG stellen, wenn ich ein Cannabispräparat mit einem höheren THC-Anteil verschreiben wollte. In den letzten 10 Jahren hat sich die Situation aber deutlich verbessert. Immer mehr Ärztinnen und Ärzte , aber auch Patientinnen und Patienten kennen das Potenzial dieser Pflanze und fragen danach, und auch in der Schulmedizin werden die Vorurteile weniger. Cannabinoide sind in der Behandlung anderer Krankheitsbilder schon wesentlich etablierter, etwa bei der spastischen und neuropathischen Schmerzsymptomatik im Zusammenhang mit Multipler Sklerose (MS). Zudem gab es Durchbrüche, etwa bei der Therapie einer frühkindlichen Epilepsie mit Präparaten aus CBD, was ebenfalls eine neue Offenheit im Umgang mit Cannabinoiden förderte.

Wie setzen Sie die Pflanze bei Krebspatientinnen und Krebspatienten ein?
Es gibt eine Vielzahl von Indikationen, wobei die Wirksamkeit immer davon abhängt, welcher Anteil der Pflanze in welchem Verhältnis verordnet wird. Am etabliertesten ist der Einsatz unter Chemotherapie, als Mittel gegen Übelkeit, das wird schon seit den 1980er Jahren gemacht. In der Palliativmedizin gibt es ebenfalls vielfältige Therapieoptionen, etwa bei Appetitlosigkeit, zur Ergänzung einer komplexen Schmerztherapie, zur Behandlung der Schlafstörung oder auch zur unterstützenden Begleitung einer depressiven Verstimmung, um nur einige zu nennen. Cannabinoide unterstützen die Balance des vegetativen Nervensystems, was sich positiv auf viele Lebensbereiche, insbesondere auf die Psyche und den Schlaf, auswirken kann. Es kommt vor, dass wir in der Palliativmedizin einige Medikamente ausreichend und sehr effektiv einsparen können, indem wir Cannabinoide ergänzen.

Kommen Cannabinoide auch nach der abgeschlossenen anti-tumoralen Therapie zum Einsatz?
Ja, in diesem Bereich arbeiten wir vor allem mit Präparaten, die mehr Cannabidiol (CBD) enthalten. Es hilft vielen Patientinnen und Patienten, nach überstandener Therapie auch psycho-emotional wieder in die eigene Mitte zu kommen. Eine abgeschlossene Chemotherapie kommt aus Sicht unseres vegetativen Nervensystems bildlich gesprochen einer erfolgreichen Flucht vor einem Säbelzahntiger gleich. Dieses Trauma und diese Emotionen müssen wir erst einmal wahrnehmen, um sie schliesslich verarbeiten und Schritt für Schritt integrieren zu können. Hier können nebst einer ganzheitlichen, integrativ-medizinischen Begleitung auch Cannabinoide helfen, den Schlaf und die Stimmung zu verbessern, die Faszienspannung zu reduzieren und so das innere Gleichgewicht wiederzufinden.

Sie haben kürzlich in einer Publikation von einer anti-tumoralen Wirkung gewisser Cannabinoide berichtet.
Ja, es gibt neuere Studien in der Grundlagenforschung und auch in der Forschung mit kleineren Patientenzahlen, die darauf hinweisen, dass bei einem höheren Anteil von Tetrahydrocannabinol (THC) diese Wirkung besteht. Je nach Krebsart sind diese Effekte unterschiedlich beschrieben. Leider sind diese Zusammenhänge wie so viele rund um das Thema Cannabis noch zu wenig erforscht.

Warum ist das so?
Womöglich fehlen der ausreichende politische Wille oder auch effektiv die Forschungsgelder für die Bereiche der Palliativmedizin oder auch der Integrativen Medizin. In der Medizin sagt man oft, man müsse eine Behandlung «from bench to bedside» bringen, also von der Theorie im Forschungslabor zur Praxis am Patientenbett. Hier ist es umgekehrt: Wir haben viele praktische Erfahrungen aus dem Alltag mit unseren Patientinnen und Patienten, die noch strukturierter gesammelt werden müssten und auch mit einem offenen Geist in Forschungsfragen und Forschungsfelder einfliessen sollten, sodass noch mehr wissenschaftliche Evidenz aufgebaut werden kann. Das wiederum bedeutet aktuell noch, dass wir oft viel Aufwand betreiben müssen, um Kostengutsprachen für den Einsatz von Cannabis in der Krebsmedizin zu erhalten.

Übernimmt die Krankenkasse diese Therapieformen?
Das kann ich so generell nicht beantworten, es muss in jedem Fall individuell beurteilt werden. Tendenziell ist es bei etablierten Massnahmen, etwa beim Einsatz gegen Schmerzen oder Übelkeit etwas einfacher. Was ich auf jeden Fall garantieren kann, ist, dass wir uns für jede Patientin und jeden Patienten nach vollen Kräften dafür einsetzen, dass er oder sie die optimale Therapie erhält.

Dr. med. univ. Sandra Pittl ist Leitende Ärztin am ZIO Zürich. Sie ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin mit interdisziplinärem Schwerpunkt Palliativmedizin.

Sie verfügt über einen Fähigkeitsausweis in Phytotherapie der SMGP, einen Abschluss in Osteopathie und hat eine vertiefende Ausbildung in Tibetischer Medizin absolviert. Ende Januar schliesst sie zudem den interdisziplinären Schwerpunkt Psychosomatische und Psychosoziale Medizin ab.

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